Es war ein sonniger Mittag im Mai, als ich meinen Sohn vom Kindergarten abholen wollte – etwas früher als sonst, da wir noch einen Termin hatten. Ich betrat den Kindergarten und eine Erzieherin teilte mir mit, dass mein Sohn noch oben beim Mittagessen sei, ich könnte aber gerne nachsehen, ob er bereits fertig sei.
Als ich den Speiseraum betrat, sah ich zuerst meinen Sohn, der sich freute und auf mich zu rannte. Er wirkte geradezu erleichtert, als hätte er schon gewartet. Er sagte auch direkt zu mir: „Mama, können wir direkt gehen? Ich mag heim.“
Ich war etwas verwundert, da er sonst sehr gerne in den Kindergarten geht und ich meistens noch einige Zeit auf ihn warte, bis er fertig gespielt hat. Ich nahm ihn auf den Arm: „Hallo mein Schatz, ist alles ok?“ Er zuckte mit den Schultern und zeigte auf ein Mädchen, das alleine an einem der Esstische vor einem gefüllten Teller Gemüse saß und leise weinte. „Anna ist traurig“, sagte mein Sohn. „Anna weint die ganze Zeit“. Ich nahm meinen Sohn an die Hand und wir setzten uns gemeinsam zu der kleinen Anna, sie war ca. 5 Jahre alt, an den Tisch. Ich fragte sie, warum sie traurig sei, und sie sagte leise: „Ich mag das nicht essen, aber ich muss.“ Sie zeigte mit dem Finger auf das Zucchini-Gemüse vor ihr auf dem Teller. Daraufhin kam die Erzieherin zu uns an den Tisch, schaute Anna an und sagte zu ihr:
„Die anderen haben es doch auch alle gegessen. Ein paar Vitamine müssen sein, Anna! Iss jetzt bitte endlich auf, dann kannst du zu den anderen raus gehen.“
Anna mag aber immer noch kein Zucchini-Gemüse zum Reis essen. Sie mag Zucchini nicht, das weiß sie genau, denn sie hat es schon einmal probiert – Zuhause bei ihrer Mama, wie sie mir und der Erzieherin erklärte. Der Erzieherin entging mein betroffener Blick nicht, sie schaute mich an und ich fragte: „Wie lange muss sie denn nun schon hier sitzen? Die anderen Kinder sind ja alle schon draußen beim Spielen.“
Die Erzieherin seufzte laut und sie wirkte etwas erschöpft auf mich. Dann sagte sie ein wenig resigniert zu Anna, dass sie jetzt aufstehen dürfe, aber dass es dann jetzt auch keinen Nachtisch mehr gäbe, das wäre nun einmal die Regel, die habe sie ja nicht erfunden.
Anna entgegnete mutig: „Ich habe aber Reis und Hühnchen gegessen. Zucchini mag ich nicht. Ich wollte keine Zucchini auf meinem Teller.“
Anna ging daraufhin mit meinem Sohn in den Außenbereich zum Spielen.
Ich folgte meinem Impuls, fasste mir ein Herz und suchte das Gespräch mit der Erzieherin. Ich machte den Vorschlag, dass sich die Kinder doch vielleicht selbst vom Essen nehmen könnten, dann gäbe es das Problem nicht, dass zu viel aufgelegt wird oder etwas, was das Kind zur Zeit nicht mag.
Die Erzieherin schaute mich zwar ein wenig irritiert an, aber ich nahm meinen Mut zusammen, folgte meinem Impuls und fügte noch hinzu, dass man meines Wissens nach doch niemanden zum Essen zwingen darf, auch Kinder nicht- dass doch vor allem Kinder oft noch gut spüren, was sie gerade brauchen und was ihnen gut tut. Die Erzieherin hielt kurz inne und erklärte mir dann, dass das im Prinzip vielleicht richtig sein mag, dass das aber nicht für jedes Kind umsetzbar sei, manche Kinder hätten ein ungesundes Essverhalten und da hätte sie eben die Aufgabe zu intervenieren. Das erwarteten ja auch die Eltern, dass sich die Kinder in der Kita gesund ernähren. Zudem fehle einfach die Zeit, sich mit jedem einzelnen Kind so lange zu beschäftigen und zu diskutieren. Sie sei heute mal wieder alleine mit den Kindern beim Mittagsessen, da sei dann einfach oft leider keine Zeit. Sie schaute mich mit müden Augen an und ich spürte deutlich, wie erschöpft sie wirklich war, und empfand Mitgefühl mit ihr.
Ich hatte aber ebenso großes Mitgefühl mit Anna und erinnerte mich auch wieder daran, wie ich mich als Kind gefühlt hatte.
Mir wurde nochmal bewusst, dass hinter solchen Situationen oft einfach viel zu viel Stress und Überforderung stecken kann, in denen dann Menschen an ihre körperliche und emotionale Belastungsgrenze kommen und versuchen zu „funktionieren“, damit der Alltag weiter laufen kann. Dies wird dann vielleicht, ob bewusst oder unbewusst, oft auch von den Kindern erwartet.
Meinem Gefühl nach wäre es liebevoller gewesen, Anna in ihrem Befinden ernst zu nehmen und sie mit den anderen Kindern nach draußen gehen zu lassen. Vielleicht isst sie ja das nächste Mal Zucchini, vielleicht auch nicht- aber sie hätte sich gesehen, angenommen und akzeptiert gefühlt und die gemeinsamen Mahlzeiten im Kindergarten wären nicht negativ belastet worden für sie, was sie nun womöglich sind.
Carina
Akademie für Potentialentfaltung
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